Zeitlos in Thailand


Chicken Bus

In Thailand kommt der Verkehr mit drei Regeln aus. Erstens: Wer größer ist, gewinnt. Zweitens: Wer schneller ist, biegt zuerst ab. Drittens: Wer hupt, hat Vorfahrt. Eine Hupe ist unabdingbar in Thailand. Sie ersetzt den Blinker, das Bremslicht und überhaupt sämtliche Verkehrsregeln. Busfahrer hupen besonders gerne.

Rin, der Chauffeur, verfügt über die uneingeschränkte Macht in seinem Bus: Er bestimmt das Musikprogramm und damit über das Wohl der Fahrgäste. In öffentlichen Bussen wird sehr oft Musik gespielt. Meist traditionelle Lieder, aber wenn man Pech hat, dann werden auch mal die Scorpions aufgelegt. Diese Kapelle gehört offensichtlich zu den wenigen deutschen Exportschlagern, die es bis nach Thailand geschafft haben. Im Grunde aber ist der Fahrgast durchaus froh über ein wenig Musik. Sie übertönt nämlich den Lärm des kaputten Auspuffs.

Der Chicken Bus, das öffentliche Nahverkehrsmittel in Thailand, ist für sich schon eine Kuriosität. Den deutschen TÜV-Prüfer würde der Schlag treffen. Die Windschutzscheibe ist größtenteils vollgeklebt mit allerlei Rambo-, Jacky Chan- und Bruce Lee – Bildchen. Am Rückspiegel hängen Blumengirlanden und auf dem Armaturenbrett steht eine kleine Buddhastatue aus Plastik. Um die Lenkradsäule sind weiße Baumwollbänder geknüpft: Mönche haben den Bus gesegnet, jetzt wohnt ein guter Geist in ihm.

Diese Busse sind in Privatbesitz und ernähren oftmals eine ganze Familie. Dementsprechend werden sie von ihren Besitzern gepflegt: Äußeres Merkmal ist die sehr liebevolle Bemalung. Seitenscheiben oder gar Türen gibt es keine, der Fahrtwind wirkt angenehm erfrischend. Wenn es regnet, werden Plastikplanen herunter gerollt. Der ganze Aufbau des Busses – die Wände, das Dach, die Sitzbänke – besteht komplett aus Holz. Die niedrigen, schmalen Bänke stehen parallel zur Fahrtrichtung. Wie Hühner auf der Stange hocken sich die Fahrgäste gegenüber. Das fördert ungemein die Kommunikation.

Der Bus wird auch gerne zum Großeinkauf genutzt. Mitunter sitzt man zwischen Waschzubern voller Lebensmittel, ja sogar ein ganzes Schwein wird gelegentlich unter quiekendem Protest auf dem Dach verschnürt. Mitten im Urwald hält der Bus auf ein geheimes Zeichen. Eine Großfamilie trottet gemächlich herbei, macht sich’s bequem und schnattert fröhlich mit den anderen Fahrgästen drauf los. Auch ich werde mit freundlicher Neugier angesprochen: „Wo kommst du her? Bist du schon lange in Thailand? Gefällt es dir bei uns?“ Offene Gesichter schauen mich erwartungsvoll an und lächeln, und es fällt mir leicht, mich diesen fremden Menschen zu öffnen.

Unterhaltsam wird es, wenn Europäer zusteigen. Nähert sich der Bus, galoppieren sie wild gestikulierend los, als hinge ihr Leben davon ab und haben Angst, der Bus würde ohne sie abfahren. Darüber können Thais lachen wie kleine Kinder. Ob sie wohl wissen, dass sie noch etwas sehr Wertvolles besitzen – nämlich Zeit?

Dann stoppt Rin den Bus. Er hält fünf Minuten. Nicht wegen einer Haltestelle, sondern weil er noch auf der anderen Straßenseite das Abendbrot für die Familie kauft. „Sowas wär bei uns unmöglich“, wundern sich zwei Deutsche, und dann lächeln auch sie.

© GEPOSTET VON IGOR TIELMAN 03/09

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Kategorien:Asien

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