Frachtschiffreisen


img_5469„Welcome on board“, erst am zweiten Abend begrüßt uns der Kapitän, vorher war er zu sehr mit seiner Arbeit, die überwiegend aus Bürotätigkeiten besteht, beschäftigt. Doch was ist schon Zeit, wenn man die nächsten 14 Tage in aller Ruhe den Atlantik überquert – mit einem Frachtschiff?

Die „Marfret Normandie“, wie unser grün-weiß lackiertes Containerschiff heißt, soll uns von Le Havre in der Normandie zum karibischen Inselstaat Trinidad und Tobago bringen. Was auf den ersten Blick nach abenteuerlicher Individualreise aussieht, ist in Wahrheit ein gebuchter All-Inclusive-Trip über den Ozean mit drei warmen Mahlzeiten pro Tag. Diese werden, mit dem Kapitän zusammen an einem Tisch, in der Offiziersmesse eingenommen. Zudem erhält man die Erlaubnis sich ständig und überall auf dem Schiff aufhalten zu dürfen, also auch auf der Brücke, wie das Führerhaus genannt wird.

Nachdem wir unsere geräumige Kabine nebst Schlafraum und Badezimmer eingehend inspizieren, begeben wir uns an Deck um von oben dem interessanten Treiben auf dem Hafengelände zuzuschauen. Riesige achträdrige Fahrzeuge transportieren die 40 Tonnen schweren Container wie Bauklötze eines dänischen Spielzeugherstellers von A nach B. Welch Zufall, dass die meisten Container tatsächlich eine dänische Aufschrift tragen und damit auf ihre Herkunft hinweisen. Doch auch zahlreiche andere Nationen scheinen vertreten zu sein und man fragt sich, was in den Containern aus Taiwan sein mag, die friedlich neben denen aus China stehen. 1100 dieser großen Metallkisten werden sich den Frachter mit uns teilen, wie uns der Kapitän später sagen wird und dabei noch hinzufügt, dass dies eines der kleineren Schiffe ist.Die ersten drei Tage verbringen wir damit, das Schiff genauestens zu erkunden. Unterhalb der tonnenschweren Lasten der Container arbeiten wir uns wagemutig bis zur Spitze des Frachters vor, während direkt neben uns das Wasser des Ozeans gegen die Bordwand platscht und manchmal auch ein paar Spritzer Gischt über die Reling wirft. Am Bug gibt es nicht nur eine weite Sicht nach vorn, sondern auch eine Stille, die sehr angenehm ist. Kein Wunder, der Maschinenraum mit dem Motor liegt fast 200 m hinter uns. Zudem ist an der Schiffsnase das Leonardo-di-Caprio-Titanic-Gefühl inklusive.

Auf einem anderen Rundgang treibt es uns in die siebte Etage und somit auf das oberste Deck. Der Kapitän und der 2. Offizier sind erfreut, uns zu sehen und so wird uns gerne die gesamte technische Steuereinheit erklärt. Trotz der technischen Finessen sind es manchmal die einfachen Dinge, die uns auf der Brücke faszinieren. Über dem Radarschirm beispielsweise hängt ein schlichter, kleiner Holzkasten, in dem die Flaggen der anzusteuernden Häfen sorgfältig zusammengerollt aufbewahrt werden.

Land in Sicht – das falsche
img_5387Vier Tage stampft das Schiff mit einer Geschwindigkeit von etwas über 30 Kilometer in der Stunde unter anderem durch die Bucht der Biskaya. Der hohe Seegang lässt die „Marfret Normandie“ erzittern und schaukelt sie hin und her, bevor es auf einmal heißt: „Land in Sicht“. Auf der rechten Seite passieren wir eine der Azoren-Inseln. Eine steil aufragende Felsküste ersetzt für kurze Zeit das ständig gleiche Bild vom endlos scheinenden Meer. In rund acht Kilometer Entfernung schippern wir mit 15 Knoten bzw. 29 km/h an dem Eiland vorbei. Vor Reisebeginn wussten wir noch nicht einmal, dass diese Art der Inselbesichtigung auch inklusive ist. Schnell nutzen wir die Chance, aus dem jetzt vorhandenen Handynetz eine SMS in die Heimat zu senden. Alternativ hätten wir zwar auch die Möglichkeit über das Satellitentelefon des Kapitäns von unserer Reise zu berichten, aber das kostet entsprechend.

Wenig später sehen wir kleine Wasserfontänen aus dem Meer aufsteigen – Wale. Ein schneller Griff zum Fernglas um noch eben den Rücken dieser herrlichen Tiere zu sehen, bevor sie wieder abtauchen.Die weitere Zeit auf dem Schiff verbringen wir mit Relaxen.

Bei einem unserer Spaziergänge rund um die zahlreichen, mit verschiedenen Exportartikeln gefüllten Container entdecken wir am Bug plötzlich fliegende Fische. Knapp 10 cm lang gleichen sie fast Libellen. Ihr silbern schimmernder Körper fliegt vor der gigantischen Schiffsnase knapp über der Wasseroberfläche, bis sie nach wenigen Sekunden wieder auf Tauchstation gehen.
Nur einmal während der Atlantiküberquerung bedienen wir uns aus der bordeigenen Videothek. Filme wie „Titanic“ und „Der Untergang der Poseidon“ lassen wir aber dann doch lieber im Regal stehen. Nach 3658 Seemeilen, also 6774 km, haben wir es geschafft und nicht nur den Atlantik überquert, sondern auch die Karibik erreicht und wenn wir ehrlich sind, würden wir das Schiff am liebsten gar nicht mehr verlassen wollen.

Gut zu wissen:

Fa. Globoship, Rütligasse 3, CH-6000 Luzern 7, www.globoship.ch

Frachtschiffreisen werden in aller Regel in speziellen Reisebüros gebucht und nicht bei der Reederei. Diese kümmert sich nur um die Fracht. Für die meisten Reisen per Frachtschiff sind eine Gelbfieberimpfung und ein ärztliches Attest notwendig, da kein Arzt an Bord ist. Man sollte immer ein bis zwei Tage vor dem geplanten Abfahrtstermin im Hafenort sein, da ein Frachtschiff ein Arbeitsschiff ist und keinen festen Fahrplan hat.

© GEPOSTET VON MICHAEL MOLL 04/09

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Kategorien:Lateinamerika, Magazine, Reisemarkt

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1 reply

  1. Das ist ja mal ne klasse Idee, vielen Dank für den Vorschlag!

    Aber Rütligasse? Hätte eher die Große Freiheit erwartet 🙂

    Ali

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