Parallelwelten: Favela-Alltag


„Unser Nachbar ist ein Bulle“, erzählt Barbara aus Österreich, die seit einem Jahr in Sâo Catano, einer Favela im Nordwesten Salvadors lebt. Gegenüber wohnt eine rührige alte Dame, deren Enkel mit Crack dealt. Und am Ende der Straße grillen ein paar Männer frisch gefangenen Fisch über einer alten Autofelge auf dem Asphalt. Man kennt sich, man toleriert sich. Das Viertel gilt als umgänglich, auch wenn gerade am Wochenende im Talkessel der Siedlung öfter Schüsse fallen – ein untrügliches Zeichen, dass Junkies ihre Drogen nicht bezahlen konnten. Kokain ist billig, kostet nur einen Bruchteil des europäischen Preises. Crack ist allgegenwärtig, Lateinamerikas größte Geißel und regiert die Hoffnungslosen der Stadt. Oben, mit Blick auf die umliegenden Berghänge, in denen sich meist unverputzte Barracken und einstöckige Steinhäuser gruppieren, wohnt dagegen die untere Einkommensschicht Salvadors.

Überhaupt, die meisten Favelados verdienen Geld, arbeiten als schlecht bezahlte Aushilskräfte auf dem Bau, in Restaurants oder auch bei der Polizei. Mit den mageren Gehältern und den hohen Lebenshaltungskosten bleibt oft nur die preiswerte Unterkunft in einer Favela. Gerade Polizisten sind oft schlecht ausgebildet und werden noch schlechter bezahlt. Nicht wenige sind daher korrumpierbar oder schließen sich den Milizionären an, die viele Elendsviertel Brasiliens dominieren. Wer Geld hat, zieht weg. Wer bleibt, passt sich an. Das Gesetz ist fern und eine schützende Rechtsstaatlichkeit ein frommer Wunsch. Immer wieder werden auch Unschuldige bei Auseinandersetzungen zwischen Polizei und Drogenbanden erschossen. Im September 2009 herrschte ein regelrechter Krieg zwischen den Traficantes und dem Staat, mehrere Stadtbusse wurden überfallen und abgebrannt. Die Fotos der verkohlten Omnibusse waren tagelang auf den Titelseiten der in Bahia dominierenden Tageszeitung A Tarde zu sehen.

Einige Slums in Brasilien werden von Drogengangs beherrscht, andere unterstehen mafiösen Vereinigungen aus Milizen – Polizeikräfte, Militärpolizisten, Feuerwehrmänner. Oft sind von Geschäften und Krämerläden „Sicherheitsgebühren“ zu zahlen, die nach Umsatz taxiert werden. Wer nicht zahlt, riskiert sein Leben. Ein ganz anderes Potenzial birgt das Geschäft mit Kleinbussen, Gas, Strom, Satellitenfernsehen, Immobilien, Geldverleih. Der inoffizielle Immobilienmarkt in den Slums bewertet Grundstücke und selbst gebaute Häuser mit erstaunlich hohen Preisen. Da viele Favelas in Brasilien nicht an das offizielle Kabelnetz und an staatliche Gasleitungen angeschlossen sind, boomt die Nachfrage nach selbstverlegten Leitungen und Gas- sowie Stromversorgung. Die ökonomischen Gesetze der Slums bieten der Schattenwirtschaft einzigartige Bedingungen – Experten schätzen die Quote des informellen Handels bereits auf rund 40 Prozent. Ein guter Grund für die brasilianische Regierung, die Parallelwelten zu bekämpfen und die Bewohner als reguläre Steuerzahler zu gewinnen.

Die Kaufkraft der Favela-Bewohner ist nicht zu unterschätzen, in vielen Elendsviertel gibt es Restaurants, Bars, Geschäfte, Stundenhotels, Friseursalons, Billard-Hallen. Wer sich auf den Straßen umsieht, der erblickt oft gut gekleidete Menschen in gepflegter Freizeitmode.  Selbst die harten Straßengangster tarnen sich mittlerweile gern durch ein makelloses Outfit – vorbei die Zeiten, als Gruppen von Jugendlichen mit nacktem Oberkörper umherstreunten. Auch der Teufel trägt Prada.

Selbst die politische Organisation der Favelas wird nicht vernachlässigt. Man versteht sich darauf, Verbündete in der lokalen Politik zu suchen. Mitunter werden Wählerstimmen ganzer Slums von Milizen an politische Parteien verkauft. Lohn der richtigen Kreuze: ein paar Freibier und gratis T-Shirts für die Favelados bei Wahlveranstaltungen mit viel Musik und Tanz. Wer arm ist, nicht lesen kann und Hunger hat, der ist dankbar für Zuwendungen jeder Art, auch nur für den Moment. Die Armen haben sich längst daran gewöhnt, dass Privatmilizen und Polizei überwiegend die Interessen der Wohlhabenden schützen. So werden Milizführungen mit mächtigen politischen Freunden oft von Verwaltung und Staatsanwaltschaft protegiert und ihr Monopol in der lukrativen Schattenwirtschaft bleibt unangetastet.

Der Weg vieler Favelas in normale Stadtviertel scheint weit, obwohl Präsident Lula da Silva bereits viel Geld in die Infrastruktur dieser Elendssiedlungen gepumpt hat und auf eine Eindämmung der Verhältnisse baut. Schritt für Schritt sollen die Favelas Brasiliens nun in die reguläre Stadt hineinwachsen. Vorerst bleiben sie eine Welt mit eigenen Regeln.

(c) GEPOSTET BY RALF FALBE 06/2010

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Kategorien:Lateinamerika

1 reply

  1. Interessantes Posting…Eigentlich wollte ich nur kurz lesen, aber dann hab ich mir doch alles durchgelesen.

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