Last Frontier – Amazoniens secret Surfspots: Algodoal, Salinas, Pororoca


Der Bus aus Castanhal schlängelt sich durch Schlaglöcher und hupende Mopeds, während allmählich die schwülwarme Abenddämmerung einsetzt. Unrat und räudige Hunde am Straßenrand werden endlich in gnädiges Licht getaucht und die Hitze des Tages lässt nach. Aus den zahlreichen Dorfkirchen, die wir passieren, erklingen Choräle und Abbitten an den Allmächtigen, den die unzähligen Freikirchen in ganz Brasilien lobpreisen. Am winzigen Rodoviario (Busbahnhof) von Marudá warten immer noch zwei Taxifahrer. Augen wie Pferdehändler, talentiert wie gerissene Hütchenspieler. Das Boot nach Algodoal? Natürlich würde noch eines fahren, aber für einen Gringo wäre der Weg zum Hafen viel zu gefährlich. Schwere Taschen werden in einem klapprigen Fiat verstaut und dann erreichen wir – oh Wunder – die Mole bereits nach wenigen Minuten. Der Fahrer verschwindet in Richtung Pier, während ein halbnackter Fischer – eine Dose Bier in der Faust – aus der Dunkelheit herantaumelt. Ein kurzer Wortwechsel und die Vermutung wird unversehens zur Gewissheit. Wir einigen uns schließlich auf eine Pousada für die Nacht, welche sich als Hochsicherheitstrakt mit vergitterter Veranda – gesichert mit drei schweren Vorhängeschlössern – offenbart. Die zahnlose Großmutter kichert überrascht, als sie die Schlüssel herausgibt und freut sich über die unverhoffte Einnahme von dreißig Real.

Am nächsten Morgen herrscht reges Treiben an der winzigen Mole. Das Ticket für sechs Real ist schnell gelöst und danach winkt ein kräftiges Frühstück in den Bretterbuden neben der betonierten Pier. Träger wuchten Pakete und Kartons mit Bier und Baumaterial vorbei, während verschlafene Touristen aus Belém hinzuströmen. Die Überfahrt verläuft reibungslos, steuerbords begleiten dabei Delfine den schlingernden Kahn. Am Anleger von Algodoal warten bereits Pferdekarren auf die neuen Besucher, ebenso einheimische Schlepper, die etwas Bakschisch verdienen wollen. Das Angebot reicht von Marihuana über geführte Inseltouren bis hin zur billigen Unterkunft. Die Entscheidung fällt leicht und kurz darauf ist das Moskitonetz über dem neuen Bett vertäut und die sperrige Reisetasche verstaut.

Nebenan in einem Restaurant läuft der Fernseher. Ein Gewinnspiel, es geht um dreißig Millionen Dollar, was unfassbares Kopfschütteln und sehnsüchtige Träume bei der minderjährigen Tochter hervorruft. Was könnte man sich damit nicht alles kaufen! Die Mutter kann sich ein Grinsen kaum verkneifen, erst einmal heißt es aber das Essen zu servieren. Später in der Strand-Barraca dann endlose Horizonte und ein Plausch mit Dona Ana, die hier jeder kennt. Mit 74 Jahren trägt sie immer noch Leoparden-Top und dunkle Sonnenbrille, bleckt ihre dritten Zähne in der Sonne wie ein Raubtier und lässt die Augen genussvoll über Männerkörper gleiten. Ihr Lover ist ein 24-jähriger Jüngling von der Insel, der anscheinend dringend etwas Taschengeld nötig hat. Am Abend sieht man ihn dann wieder – dieses Mal mit etlichen Drinks vor sich -, während seine reife Freundin ausgelassen zu den Curumbi-Rhythmen der Live-Band mit den Hüften rollt. Tapfer ignoriert der junge Fischer amüsierte Blicke und trinkt sich Mut an für die bevorstehende Liebesnacht.

Am nächsten Morgen dann endlich ein kräftiger Swell und die Wellen laufen mit gewaltiger Kraft in die kleine Bucht. Die Surfer schnappen sich ihre Bretter und nutzen die Gunst der Stunde. Es wird gepaddelt und gerippt, bis schließlich die einsetzende Ebbe dem Vergnügen ein jähes Ende bereitet. Man sammelt sich am Strand – etliche sind Studenten aus dem nahen Belém -, tauscht Adressen für Fotos und Facebook-Kontakte aus. Später dann das eiskalte Bier, während die tief stehende Sonne den Strand in silberfarbenes Licht taucht. Fischreiher verharren beinahe bewegungslos im Watt und Männer aus dem Dorf holen in der einsetzenden Dämmerung ihre gut gefüllten Netze ein. Die kleine Lagune – nun beinahe trockengefallen – zeigt sich in ihrer ganzen wilden Pracht, wird von den Kindern jetzt als Abenteuer-Spielplatz mißbraucht. Das Amazonas-Delta mit seinem undurchdringlichen Regenwald scheint hier unendlich weit entfernt.

Gut zu wissen:

Anreise: Von Belém mit dem Bus nach Marudá für zwanzig Real, alternativ von Castanhal. Dann für sechs Real mit dem Boot (ca. eine Stunde) nach Algodoal übersetzen. Auf dem Rückweg wartet stets ein Minibus an der Mole in Marudá, der direkt bis nach Belém (Fahrzeit ca. drei Stunden) fährt.

Unterkunft: Algodoal, ABC Pousada, ab fünfundzwanzig Real mit Frühstück, zehn Minuten vom Fähranleger, edilzadavila@hotmail.com.

Verpflegung: Neujahr und in den Ferien schwierig, da überlaufen. Sonst mehrere preiswerte Restaurants mit Tellergerichten um zwölf Real. Am neu gestalteten Dorfplatz gute Lanchonetes (Imbissbuden) mit ausgezeichneten Mahlzeiten. In den Barracas am Praia do Princessa leckere Fischgerichte und Caipirinhas.

Surfspots: Pará – Ilha Algodoal, Salinopolis, Pororoca (Amazonas-Flusswelle).

Internet: Internet-Café vor Ort, Information unter www.algodoal.com.br.

© Gepostet von Ralf Falbe, © Fotos by Ralf Falbe

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Kategorien:Lateinamerika

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