Lençóis Maranhenses – Brasiliens unbekannte Sahara


Der Mann an der Rezeption gibt die Schlüssel heraus, ohne mit der Wimper zu zucken oder eine Vorauszahlung zu verlangen. Check-in-Prozedur oder Reisepass? Völlig egal. Soviel Vertrauen oder Gleichgültigkeit macht schon fast wieder misstrauisch, aber in den kleinen Ortschaften im Nordosten gelten andere Gesetze als in den Großstädten Brasiliens. In der Pousada Terral kann man bereits ab 15 Real – ein spartanisches Frühstück ist mit eingeschlossen – die Nacht verbringen. Toiletten auf dem Flur, ramponierte Sperrholztüren mit chinesischen Billigschlössern und offene Decken sorgen für Kommunikation und kurzweilige Momente. Und die Moskitos vom nahen Rio Preguiças erinnern daran, dass die Tube Autan in der Tasche doch zu etwas nütze sein könnte.

Es meldet sich der Magen und wenige Meter um die Ecke röstet man auf einer Autofelge preiswerte Churrasco-Fleischspieße, dazu gibt es Farofa (Maniokmehl), Reis und eiskaltes Bier. Zum kulinarischen Genuss plärrt der Fernseher auf der Straße, es laufen die unvermeidlichen Telenovelas und Fußballübertragungen.

Am nächsten Tag dann lockt der berühmte Nationalpark Lençóis Marenhenses mit seinen unendlichen Dünenlandschaften und zahlreichen Lagunen wie der Lagoa Peixe. Mit Toyota-Jeeps werden die Besucher in die Wildnis transportiert, müssen zunächst mit einer archaisch anmutenden Autofähre den Rio Preguicas überwinden. Unterwegs passiert man einfache Lehmhütten und spartanische Behausungen entlang der Schotterpiste, die teilweise mit bleichen Stierschädeln und leeren Bierflaschen dekoriert ist. Kinder winken dabei freudig am Wegesrand und man fragt sich, wie die Menschen in dieser dürren, unwirtlichen Natur überleben können. Der Bundesstaat Maranháo gilt als eine der ärmsten Regionen des Nordostens und eine gewisse Bitterkeit im Alltag ist manchmal nicht zu übersehen.

Paulino Neves. Die Anreise mit dem Jeep von Barreirinhas ist ein kleines Abenteuer, passiert man doch abgelegene Siedlungen und Häuseransammlungen in der staubtrockenen Savanne, die ausschließlich über den täglichen Toyota-Pendelverkehr versorgt werden. Die Abfahrtszeit ist oft ungewiss, hängt zumeist von der Anzahl der Passagiere ab. Irgendwann sind dann doch alle vollzählig und Kartons sowie Kisten werden gut vertäut. Der Fahrer lässt die Luft aus prallen Reifen und tankt noch einmal voll, nachdem die Gringos mit dem Fahrpreis erst einmal in Vorkasse gegangen sind. Unterwegs dann immer wieder ein Plausch bei Freunden und Familien. Mal wird eine Kiste Bier abgeladen, mal sichert ein Eimer Fisch das Abendessen. Zufrieden machen sich die mit Lebensmitteln beladenen Kinder auf den Weg in ihre Hütten. Die Wildnis ist atemberaubend, grandiose Sanddünen wechseln mit Lagunen, die Oasen gleichen. Dazwischen manchmal grüne Savannenstreifen mit wilden Eseln, Pferden oder Schweinen, die gleichgültig am Wegesrand grasen. Uns begleitet nur der pfeifende Wind und das Brummen des Toyota-Motors in dieser menschenleeren Steppe.

Irgendwann steht man an der einsamen Landstraße kurz hinter Paulino Neves. Der versprochene Bus nach Tutóia kommt nicht, dafür aber Freunde unseres Fahrers, die einen Platz im Auto anbieten. Es dämmert bereits, als wir die Kleinstadt an der Grenze zu Piauí erreichen und die vereinbarten 10 Real wechseln rasch ihren Besitzer.

Etwas später dann das eiskalte Bier in einer Barraca und der Staub der Straße rinnt die Kehle hinunter. Ein buntes Pappschild verkündet hier das unschlagbare Angebot: Drei Bier für 10 Real, allerdings nur gegen Vorkasse. Warum Vorkasse? „Nun ja“, erzählt die resolute Wirtin, während man ihr die Haarpracht in der hölzernen Bude föhnt, zu viele Trinker würden mal kurz zum Austreten verschwinden und dabei eine offene Rechnung hinterlassen. Das leuchtet ein. Ihr Sohn schraubt nebenan bereits die Glühbirnen heraus, damit kein Langfinger zum Zuge kommen kann. Die Musik wird lauter gedreht, so dass ein aufgeschrecktes Huhn hinter der Bar hervorspringt.

Gut zu wissen:

Anreise: Mit dem Bus von São Luis nach Barreirinhas, Fahrzeit ca. 4 Stunden, 28 Real. Alternativ von Parnaiba via Tutóia und Paulino Neves.

Unterkunft: Die Pousadas in Barreirinhas sind in der Regel relativ hochpreisig, unter 45 Real ist kaum ein Zimmer zu bekommen. Anspruchslose Zeitgenossen finden in der Pousada Terral am Ortsrand eine preiswerte Übernachtungsmöglichkeit. Alternativ Pousada Brisa do Mar ab 45 Real mit Frühstück.

Verpflegung: Mehrere preiswerte Snackbars (Lanchonetes) und Bäckereien mit leckeren Teigtaschen (Coxinho, Pastel) in Barreirinhas. Das Restaurant Bela Vista bietet eine nette Aussicht auf den Rio Preguiças mit Tellergerichten ab 12 Real. Von der rustikalen Holzterrasse führt eine Leiter in den Fluss, so dass man zwischen den Mahlzeiten ein erfrischendes Bad nehmen kann.

Information: Lençóis Ecoturismo, www.lencoisecoturismo.com.br, Ausflüge mit Jeeps in den Nationalpark ab 40 Real. Ein Besuch der Lagunen in den Dünen ist nur über organisierte Touren möglich, alternativ auf eigene Faust Wanderungen von Caburé oder Atins am nahen Atlantik.

© Gepostet von Ralf Falbe 03/2012, © Fotos by Ralf Falbe

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Kategorien:Lateinamerika

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