Tanz den Vàclac Havel – Aktivurlaub im Altvater-Gebirge


DSC_2681„Der Kommunismus ist hier oben immer noch nicht tot!“, erklärt der Hoteldirektor bestimmt. Als kulinarische Bestätigung dieser These stehen deftige Platten mit Schweinefleisch und Kartoffelklößchen auf dem Tisch. In Ovcàrna nahe dem höchsten Gipfel (Pradéd) – Höhe 1.492 Metern ü. M. – des Altvater-Gebirges (Jeseniky-Gebirge) scheint die Zeit stillzustehen. Stressgeplagte Westeuropäer finden hier ein Refugium der Entschleunigung – eine wahre Oase für Burnout-Geplagte. In dem schlesischen Mittelgebirge unweit der polnischen Grenze stoßen neugierige Besucher auf eine intakte Natur und geschichtsträchtige Wallfahrtsorte. Im Talkessel von Velkà Kotlina (Großer Kessel) gab es einst sogar einen gewaltigen Berggletscher, der bis heute für die beckenartigen Felsformationen aus dunkelgrauem Phyllitgestein verantwortlich ist.

DSC_2794Im Altvater-Gebirge kreuzen sich nicht nur bedeutende mittelalterliche Handelswege zwischen den malerischen Flüssen Opava und Opavice. Die Stiefel sind geschnürt und der Wegweiser zeigt entlang des Pfades „Bilà Opava“ (Weiße Oppa), einem etwa 7 Kilometer langen Streckenabschnitt mit einem Höhenunterschied von bis zu 510 Metern. Der blau markierte Lehrpfad führt durch wilde Gebirgswälder, tiefe Schluchten und über rauschende Flüsse. Der Flusslauf wurde ab dem 18. Jahrhundert teilweise gebändigt, indem man Dämme und Geschiebesperren baute, so dass über den Strom die Eisenwerke in Karlova Studànka mit Holz versorgt werden konnten. Das Flussbett verändert sich ständig, alljährlich brechen an mehreren Stellen die Steilhänge ab. Im Herbst 2004 zerstörte ein mächtiger Orkan etwa 7 Hektar des schwer zugänglichen Urwaldes und liefert bis heute an einigen Stellen ein gespenstisches Bild. Der Bestand im oberen Teil des Tales blieb hingegen fast unbeschädigt. Seit 1991 ist dieses Gebiet Teil des Nationalen Schutzgebietes Pradèd und gilt als einzigartiges Wandergebiet in der Region.

DSC_2678Szenenwechsel. Karlova Studànka (Karlsbrunn) zählt zu den unvergesslichen Perlen des Altvater-Gebirges gleich zu Füßen des Pradèd. Inmitten von Fichtenwäldern entstand im 18. Jahrhundert dieser Kurort, der bereits von dem ehemaligen und 2011 verstorbenen tschechischen Präsidenten Vàclav Havel geschätzt wurde. Deutsche Siedler arbeiteten hier im 12. Jahrhundert in der Förderung von Edelmetallen sowie als Holzfäller und Köhler. Die Architektur ist bis heute geprägt von typischen Holzbauten dieser Vorgebirgslandschaft sowie kantigen Kurhäusern im Stile des Klassizismus. Dank der besonderen geologischen und hydrochemischen Verhältnisse der Region sprudeln natürliche Heilquellen wie die Quelle Vilèm, die im „Trinkpavillon“ seit 1864 – nur auf ärztliche Empfehlung – gekostet werden kann.

DSC_2940Wenige Kilometer entfernt versucht die Jugend ihr Glück. Jan Metzl ist Student und hat zusammen mit Komilitonen kurzerhand einen Golfplatz eröffnet. Der ehemalige Acker liegt direkt an der Ausfallstraße von Mésto Albrechtice und soll künftig Valuta in die Haushaltskasse spülen. Das Kapital stammt von der Großmutter, Grundstück und Planierraupe zum Umgraben vom Vater. Man gibt sich optimistisch, verweist auf erfolgeiche Golfanlagen im fernen Prag und hofft auf zahlungskräftige Besucher, die nicht nur zum Pilze- und Heidelbeersammeln anreisen.

DSC_2959In Ondrejovice hingegen wandelt man auf den Spuren von Jack London. Die wilde Landschaft der Region Zlaté Hory wird bestimmt von mittelalterlichen Bergwerksmühlen und dem Lehrpfad „Tal der verlorenen Stollen“. Der Pfad ist etwa 2 Kilometer lang und umfasst 12 Stationen. Auch wenn heute hier kein Gold mehr gefördert wird, beeindrucken diese hölzernen Mühlen mit einer uralten Technik und man wähnt sich fast am Klondike. Ein Abenteuerland für Individualisten abseits der großen Touristenströme.

Gut zu wissen:

Anreise: Mit dem Zug oder Flugzeug nach Breslau in Polen und von dort mit dem Mietwagen in rund zwei Stunden in das böhmische Schlesien im Altvater-Gebirge.

Information: Karlova Studànka, http://www.jeseniky-praded.cz, http://www.jeseniky-rodina.cz, http://www.zlatehory.cz, http://www.krnov.cz

Unterkunft: Pension Bèla, Bèlà pod Pradèdem, Unterkunft ab 20 Euro, Wellnessangebote kosten extra, empfehlenswerte Küche, http://www.penzion-bela.cz

Wandern: Karlova Studànka – Hubertus, auf der gelben Markierung bis zum Naturreservat Bilà Opava, entlang der blauen Markierung zurück nach Karlova Studànka, auch für Familien mit Kleinkindern und ältere Besucher geeignet, begehbar von Mai bis Oktober.

Sport: Golf Nové Rudìkovy, Mésto Albrechtice, http://www.golfnoverudikovy.cz

Mountainbiking: Cykloturistickè Cìle, http://www.vrbensko-jeseniky.cz

Wintersport: Ski Areal Koprivná, Malá Morávka, http://www.koprivna.cz

Besichtigung: Wallfahrtsort MariaHilf, Zlaté Hory, http://www.mariahilf.cz

© Text und Fotos by Ralf Falbe 10/2013

Advertisements


Kategorien:Europa

Schlagwörter: , , ,

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: