Surf City Itacaré – Bahias Goldküste


„Über Weihnachten gab es wieder Tote“, brummt Armin in seinen Bart. Der Schweizer, ehemals Baupolier und Hotelier in Rio, wischt die Plastiktische vor seinem Imbiss „MC. A1“ trocken. Die psychodelisch bemalte Klause im Herzen von Itacaré läuft gut, die Kasse klingelt. Die hungrige Kundschaft stammt überwiegend aus Südbrasilien, aber auch aus Argentinien, Italien, Israel. Crack heißt die neue Geißel von ganz Lateinamerika und auch hier, in dem verschlafenen Kaff Itacaré, sind die Zeichen der Zeit nicht zu übersehen. Man spricht von zwei großen Gangs, die sich im Kampf um lukrative Marktanteile gegenseitig umbringen.

CutbackNur fünf Busstunden südlich von Salvador da Bahia scheint der neue Global Player Brasilien ins Stocken zu geraten sein. An der schmuddeligen Hafenpromenade – wo noch vor fünf Jahren die Diskothek „Quintal“ zahlreiche Nachteulen anzog – herrscht heute eine No-Go-Area. Und die beliebte „Cabana de Corais“ unweit der Caminha da Praia, wo einst ein Hauch von Thailands Full-Moon-Partys wehte? „Schon lange geschlossen!“, erwidert man dort nur knapp auf Nachfragen und winkt ab. Geblieben ist lediglich die lebhafte Meile der Rua Pedro Longo, wo sich allabendlich internationales Volk zu harten Techno-Beats versammelt, nicht selten durch Koks und Cachaça in Form gebracht. Warum auch nicht, könnte man meinen.

Glasscherben auf der GrundstücksmauerBei näherer Betrachtung aber offenbaren sich Neid und Missgunst in der östlichen Stadthälfte. Auf die sprudelnden Geldquellen in der Rua Pedro Longo, wo überwiegend Südbrasilianer, Argentinier und Italiener die Fäden ziehen. Dort wiederum ignoriert man die einheimischen Habenichtse und rüstet mit militärischer Präzision gegen Gauner und Eierdiebe auf: Kaum eine Pousada ohne Natodraht auf der hohen Mauer, ohne eigenen Sicherheitsdienst, ohne Hundestaffel oder Pfefferspray. Unübersehbar ist die Paranoia vor der alltäglichen Gewalt. Der Knall einer Gasflasche führt im gut gefüllten Restaurant zu Panik, alle Welt scheint um das eigene Leben zu rennen. Mädchen, deren Knie vor Schrecken derart zittern, dass sie von ihren Freunden gestützt werden müssen. Bleiche Gesichter, die sich krampfhaft um Fassung bemühen. Die Marginalisierung ganzer Bevölkerungsschichten zeigt hier ihre hässliche Fratze.

Surfing GirlIn der Pousada arbeitet eine Carioca, die mit Anfang dreißig über die Nachteile des Alterns philosophiert, den schleichenden Verfall ihres Körpers beklagt. Wahrlich ein trauriger Aspekt in einem Land wie Brasilien, in dem sich scheinbar alles um Schönheit (Beleza) und Liebe (Amore) dreht. Wie so viele arbeitet sie für freie Kost und Logis, erhält nur den Minimo Salário (Mindestverdienst) und freut sich über einen Teller Suppe, den eine Freundin gerade auftischt. Rio möchte sie trotzdem nicht mehr gegen Itacaré eintauschen, zu entspannt empfindet sie hier den Lebensstil, von den trägen Uhren Bahias und der großartigen tropischen Natur geprägt. Und die Freunde, die Liebe? Sie zuckt mit den Schultern, erwähnt nur, dass keiner ihrer Freunde in einer längeren, festen Beziehung lebt – nicht zuletzt des Geldes wegen. Das Familienleben, einst wichtigste Bastion der brasilianischen Gesellschaft, scheint zu bröckeln.

EveningEs ist gerade Kommunalwahlkampf in Itacaré und wie so oft zelebrieren die politischen Parteien bei ihren Kundgebungen lautstarke, bunte Veranstaltungen mit viel Radau, bei denen Autokarawanen mit lärmenden Lautsprechern auf dem Dach durch die Straßen ziehen. Es herrscht Wahlpflicht in Brasilien und so müssen alle Bürger ihre Stimme abgeben, selbst bettelarme Analphabeten mit der Bildung eines Zehnjährigen. Eine leichte Beute für die Oberen aus den großen Städten, die hier Wähler für ein gratis T-Shirt und ein Freibier einkaufen. Der trunkenen Masse ist es gleich, endlich gibt es einmal etwas umsonst von „denen da oben“. Was bleibt? Surfen gehen!

Gut zu wissen:

Anreise: Regelmäßige Busverbindungen von Salvador da Bahia, Ilheus, Porto Seguro.

Unterkunft: Pousada Pyrakanga, Praça Santos Dumont, Tel.: (73) 3251-2099, sauberes Zimmer mit Bad und Ventilator ab 35 Real, ohne Frühstück. Betreiber Jopson ist Surfer und verleiht auch Boards.

Essen und Trinken: Caramelo Café, Rua Pedro Longo 43, Pituba, Itacaré, Tel.: 3251-3364, hervorragender Kaffee, Torten, Snacks und Frühstück für 9,50 Real. Entlang der Straße finden sich jede Menge Restaurants und auch Pousadas.

Aktivitäten: Surfen am Praia Tiririca, Turismo de Observacáo de Baleias (Walbeobachtungen), http://www.itacare.com.

Text und Fotos: Ralf Falbe 10/2013

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Kategorien:Lateinamerika

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2 replies

  1. Das schon hart zu lesen, wie ein Gegend und Stadt so einen Absturz erleben kann – sehr schade. Dadurch weren auf Jahre auch die internationalen Surftoruisten ausbleiben – auch schade. Aber immerhin bleiben den Locals die Wellen und wer weiß, eines Tages zieht sich Itacaré wieder mit dem Surfen aus der Krise.

    Fingers Crossed!

  2. ja, in der tat hart zu lesen, dennoch möchte ich hier den versuch wagen und sagen: so krass wie itacaré hier dargestellt wird, ist es nicht. die orla, also die promenade, ist nun wirklich keine no go-area. geh‘ mal um vier uhr morgens durch manche straßen in berlin – möchte behaupten dort ist es unangenehmer. techno-beats hab ich dort, ehrlich gesagt, noch nie gehört. eher reggae und brasilianischen hip hop. die cabana corais hat wieder geöffnet und dort tummeln sich unter der woche und an den wochenenden ab nachmittags familien mit kindern mit herrlicher musik, einfach wundervoll.
    ich fahre seit 7 jahren in diesen ort und hab auch schon einige monate dort gewohnt. wenn es dort so schlimm wäre, würde es mich nicht immer und immer wieder dorthin ziehen …

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