WM 2014 in Brasilien – Interview


Vor wenigen Monaten erschütterten Brasilien heftige Unruhen, die von manchem Beobachter als “Brasilianischer Frühling” bezeichnet wurden. Die Proteste im vergangenen Juni haben aufgezeigt, dass jenseits des Wirtschaftswachstums eine neu ausgerichtete Reformpolitik erforderlich ist. Tainã MansaniIm Schatten der sportlichen Großereignisse wie Fußball-WM und Olympia, die 2014 sowie 2016 unter dem Zuckerhut stattfinden werden, stellen sich daher wichtige Fragen zu strukturellen Problemen im größten Land Südamerikas. Der freie Journalist Ralf Falbe dazu im Interview mit der brasilianischen Journalistin Tainã Mansani (Revista Fórum / International Media Studies Deutsche Welle):

Falbe: Inwieweit stehen die Juni-Proteste im Zusammenhang mit der Kritik an den öffentlichen Ausgaben für die WM 2014?

Mansani: Die Kritik – die sich zuerst im Juni gegen die Fahrpreiserhöhung von 0,20 Centavos (etwa 0,7 Eurocent) richtete – an den öffentlichen Ausgaben für die WM 2014 ist die zunehmende Kommerzialisierung vieler Bereiche des Lebens und des öffentlichen Raums. Der Bevölkerung werden mithilfe des Staates immer mehr Grenzen und Hürden gesetzt, bestimmte private Interessen zu bedienen und zu schützen. Die großen Unternehmen (nationale und internationale) profitieren von der Verwandlung öffentlicher Räume in private Wirtschaftszonen. Obwohl die öffentlichen Verkehrsmittel vom Staat gefördert werden, werden sie immer teurer, aber nicht besser – es profitieren nur die Investoren und Unternehmen. In der Fußballwelt finanziert der Staat den Bau von Stadien, die danach an private Betreiber übergeben werden, die später die Eintrittspreise anheben, so dass ärmere Bevölkerungsschichten ausgegrenzt werden. Gleichzeitig werden die Kleinhändler, die sich am meisten von der WM erhofft haben, aus der Nähe der Stadien und öffentlichen Plätze verdrängt, weil dieser Raum den kommerziellen Partnern der FIFA vorbehalten wird.

Falbe: Die strukturellen Probleme wie Polizeigewalt, Medienmonopole, Kriminalität, Bildungssystem, Gesundheitsversorgung und öffentlicher Nahverkehr stellen Brasilien vor große Probleme. Was bedeutet das für die Bevölkerung und wie weit sind WM-Touristen betroffen?

Mansani: WM-Touristen werden davon wohl gar nicht betroffen sein. Die Polizei und Medienmonopole existieren, um den Status Quo zu garantieren. Sie sollen die Sicherheit der WM-Touristen schützen und dadurch natürlich den Umsatz sichern, den die FIFA-Partner für ihr Sponsoring erwarten. Und natürlich wird in Folge der Verdrängung der Kleinhändler durch die Polizei auch das Bild der Armut aus dem Blick der Touristen „entfernt“.

Falbe: In Bahia fanden weitaus weniger Proteste als in Südbrasilien statt. Liegt das am Medienmonopol bzw. an der schlechteren Allgemeinbildung im Nordosten? Ist das eher ein Thema der „Paulista-Elite“?

Mansani: Das Medienmonopol hat natürlich einen starken Einfluss im Nordosten Brasilien. Aber es ist nicht richtig, dass es dort kaum Proteste gab. Schon im Jahr 2012 berichtete das Dossier „Großevents und Menschen-rechtsverletzung in Brasilien für die WM 2014“, dass in Fortaleza (Hauptstadt von Ceará) sich Familien gegen den Abriss ihrer Wohnungen für den Ausbau von WM-Projekten wehrten. Sie protestierten gegen die schlechten Informationen und für entsprechende Entschädigungen. Während des Protestes im Juni 2013 mobilisierten sich auch vielen Menschen von diesen sozialen Bewegungen in Salvador und anderen Städten aus dem Nordosten. Grundsätzlich leben in den Metropolen des Südens wie São Paulo viel mehr Menschen als in den Städten des Nordostens.

Falbe: Wie zerrissen ist Brasilien zwischen Nord und Süd? Gibt es die vielbeschworene Einheit in der Vielfalt?

Mansani: Es gibt einen historisch gewachsenen Unterschied zwischen dem Norden und dem Süden bezüglich des Zugangs zu bestimmten Waren und Dienstleistungen wie z. B. Bildung. Vor allem, weil die Südost-Achse (Rio de Janeiro – São Paulo) in der Vergangenheit den Motor der Industrialisierung bildete. Aber auch der Nordosten des Landes war Szenarium von großen historischen Kämpfen und intellektuellen Auseinandersetzungen. Wenn es noch einige Vorurteile gibt, dann durch Unwissenheit. Zudem wird im Süden gerne geleugnet, dass der Reichtum des Südostens durch den Zuzug der nordöstlichen Einwanderer in den 50er Jahren geschaffen wurde. Meine Großeltern mütterlicherseits waren einige von ihnen.

Falbe: Wie ist die Entwicklung der alternativen Medien – den “Ninjas“ – im Kontext zu den klassischen Informationsmonopolen der Tagszeitungen und Fernsehanstalten einzuschätzen?

Mansani: Aus Sicht der Medienlandschaft merke ich, dass die “Ninjas” sehr politisch berichten. Aufgrund ihrer alternativen Reportagen sind sie ein spannender Gegenentwurf zum Monopol der großen Medienunternehmen. Sie zeigten z. B. ein komplett anderes Bild der vergangenen Juni-Proteste als die großen Medienhäuser, die Demonstranten lediglich als “Chaoten” bezeichneten. Ich denke, dass kann sich positiv auswirken, weil nicht nur junge Menschen durch unabhängige Berichterstattung besser erreicht werden. Eine Aktivierung des politischen Bewußtseins ist wichtig für die Identifikation mit einer aufgeklärten brasilianischen Gesellschaft.

Falbe: Wird in den sogenannten „Ninja-Medien“ das Thema Korruption angeschnitten? Wird auch über zunehmende Immobilienspekulation in den „befriedeten“ Favelas berichtet?

Mansani: Die Aktionen der „Ninja-Medien“ stellen eine unabhängige Alternative zu der traditionellen und stark monopolisierten Berichterstattung dar. Folgt man deren digitalen Kanäle wie z. B. Facebook, dann wird sehr deutlich, dass gerade Polizeieinsätze der UPP (Unidade de Polícia Pacificadora – „Einheit der Befriedungspolizei“) sowie andere staatliche Aktionen in den Favelas thematisiert werden. Somit sind diese Berichterstattungen indirekt mit dem Thema Immobilienspekulation verbunden. In Bezug auf die Korruption berichteten die „Ninjas“ im August dieses Jahres über die Großdemonstration gegen den Gouverneur des Bundesstaates São Paulo, Geraldo Alckmin ( PSDB – Mitte-Rechts-Partei). Laut einer Untersuchung ist die Partei von diesem Politiker vermutlich in die Veruntreuung von rund 425 Millionen Reais (rund 135 Millionen Euro) involviert. Das Geld war für den Bau der Metro von São Paulo vorgesehen. Einer anderen Anzeige zufolge haben einige multinationale U- und S-Bahnhersteller – darunter die deutsche Firma Siemens – Mitglieder der gleichen Regierungspartei in São Paulo bestochen oder zu bestechen versucht, um den Auftrag für den Metro-Bau zu gewinnen. Auch in diesem Fall wird die Korruption bei den „Ninjas“ durch die Berichterstattung über dieser Proteste indirekt erwähnt.

Falbe: Die dauerhafte Polizeipräsenz in den Favelas bringt eine der auffälligsten Veränderungen im Stadtbild von Rio. Spezialeinheiten sind hier u. a. für Entführungen und Gewalt verantwortlich. Wie gehen Brasilianer mit dieser alltäglichen Gewalt um?

Mansani: Grundsätzlich haben viele die Gewalt in gewisser Weise verinnerlicht, sie scheint fast dazuzugehören. Die Angst vor Gewalt ist alltäglich. Ich merke, dass in den letzten Jahren viele Menschen dank der Basisbewegungen mehr Bewusstsein für ihre Rechte erlangt haben und auch verstehen, dass die Gewalt keine normale Sache mehr ist.

Falbe: Brasilien inszeniert sich als Global Player. Wie beeinflussen die genannten strukturellen Probleme – in Kombination mit steigender Inflation und sinkendem Wirtschaftswachstum – die brasilianische Gesellschaft? Wie geht es weiter?

Mansani: In den letzten Jahren hat die brasilianische Regierung mehr als 30 Milliarden Menschen auf ein bestimmtes Konsum-Niveau gehoben. Die Gruppe der Mittelschicht und unteren Mittelschicht ist viel größer geworden. Doch misst sich dieser Lebensstandard viel am Zugang zu Konsumgütern. Heute haben viel mehr Menschen in Brasilien die Möglichkeit, sich ein Handy oder ein Auto zu kaufen als vor zehn oder zwanzig Jahren. Viele von ihnen – von dieser sogenannten „Neuen Mittelschicht“ – sind trotzdem jeden Tag mit der schlechten urbanen Infrastruktur konfrontiert. Sie haben nun ein Auto, brauchen aber drei Stunden im städtischen Verkehr auf dem Weg zur Arbeit. Sie haben ein neues Smartphone, müssen aber sehr viel Geld für ein Studium bezahlen, da der Zugang zur den öffentlichen Universitäten sehr begrenzt und elitär ist. Manche geben für die Finanzierung ihres Studiums später fast 70 Prozent des Lohns aus, um Studiengebühren zu bedienen. Parallel zu diesem ökonomischen Wachstum sind also auch die Lebenshaltungskosten in vielen Städten angestiegen – vor allem in den Bereichen Gesundheit, Bildung und öffentlicher Transport. Für diese Dienstleistungen sind die Preise fast unerträglich geworden. Die Proteste im Juni richteten sich ursprünglich gegen die landesweit zum 01. Juni durchgeführte Fahrpreiserhöhungen. Die Demonstration war Ausdruck dafür, dass die Kosten einfach zu viel wurden. Die unteren Einkommensschichten geben in São Paulo mitunter 30 Prozent ihres Gehalts für Bus- und Bahnfahrten aus. Zusammen mit den strukturellen Problemen führen ein sinkendes Wirtschaftstum und die zunehmende Inflation zu mehr Unzufriedenheit. Gleichzeitig zeigt sich für den Großteil der brasilianischen Gesellschaft, dass eine lediglich konsumorientierte Entwicklung nicht nachhaltig ist.

Falbe: Vielen Dank für das Gespräch.

© Ralf Falbe 12/2013

Das Interview wurde im WirtschaftsEcho (Ausgabe 3/2014) abgedruckt.

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