Jüdisches Leben in Wien – Wege der Erinnerung


DSC_4638Anlässlich des Nationalfeiertages am 15. März 2013 ehrte die ungarische Regierung bekannte Rechtsextreme und bekennende Antisemiten mit hohen staatlichen Auszeichnungen. Das ehemals osteuropäische Musterländle steuert damit offenkundig nach rechtsaußen und schürt mit seiner gezielter Rhetorik einen wachsenden Rassismus. Der populistische Widerhall aus Budapest trifft nicht nur in der benachbarten Donaumetropole Wien – ehemals Reichshauptstadt der Doppelmonarchie Österreich-Ungarn – auf tiefe Wunden.

AL_RAF_0102Das frühere jüdische Leben in der Wiener Leopoldstadt berührt bis heute den öffentlichen Raum der österreichischen Hauptstadt. Vor der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten 1938 lag der jüdische Bevölkerungsanteil hier bei 40 Prozent. Ein uralter Schmelztiegel der Kulturen im Herzen des europäischen Kontinents. Der Holocaust zerstörte die dynamische Gesellschaft des Judentums der Vorkriegszeit, deren Errungenschaften für das moderne Wien so prägend waren. Namhafte Sehenswürdigkeiten, Schauplätze historischer Ereignisse und Wohnhäuser prominenter Zeitgenossen zeugen noch heute von dieser Epoche. Der jüdische Intellektuelle Sigmund Freud, der als Begründer der modernen Psychoanalyse gilt, erlangte als einer der einflussreichsten Denker des 20. Jahrhunderts Weltruhm. Als Herz jüdischen Lebens galt vor 1938 die „Theatermeile“ an der Praterstraße im zweiten Bezirk. Das Theater Nestroyhof Hamakom – vor wenigen Jahren erst von Frederic Lion saniert – belebt heute wieder mit tagesaktuellen Themen, Lesungen und Konzerten das Kulturleben der Donaumetropole.

AL_RAF_0108Ein Zeichen gegen das „Vergessen und Wegschauen“ setzt die Stadt Wien gemeinsam mit dem 1980 gegründeten Jewish Welcome Service Vienna. Ein Stück bedeutsamer Vergangenheit wird durch aktives Erinnern reflektiert und bewältigt, indem das jüdische Leben in der Leopoldstadt durch Dokumentation und Gedenken wachgehalten wird. Der „Weg der Erinnerung“ – eine Initiative des Vereins Steine der Erinnerung – gibt den vertriebenen und ermordeten jüdischen Einwohnern Wiens wieder einen Platz und hält die Geschichte lebendig. Das Museum am Judenplatz mit seinem Schoa Mahnmal – ein Werk der Künstlerin Rachel Whiteread – steht auf den Grundmauern einer der größten mittelalterlichen Synagogen Europas. Im Schaudepot des Museums können Torakronen, Kidduschbecher sowie uralte Ritualobjekte bewundert werden. Das Archiv zeigt historische Dokumente und schriftliche Zeugnisse vergangenen jüdischen Lebens in Wien.

AL_RAF_0106Der Stadttempel in der Seitenstettengasse 4 ist nach 1938 als einzige bedeutende Synagoge erhalten geblieben und dient der Israelitischen Kultusgemeinde als Gebetshaus, in dem der Oberrabbiner Paul Chaim Eisenberg täglich zum Mincha- und Maariv-Gebet ruft. An der Stelle, wo bis 1938 der „Große Leopoldstädter Tempel“ stand, findet man heute das psychosoziale Zentrum ESRA. NS-Überlebenden und deren Nachkommen wird hier eine Anlaufstelle mit multiprofessioneller Ambulanz geboten, ebenso finden regelmäßige Veranstaltungen zu jüdischen Themen statt. Das legendäre Simon-Wiesenthal-Institut soll am Rabensteig neu entstehen. Künftig sollen hier einzigartige Archivbestände über den Holocaust einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden.

AL_RAF_0112Brücken für die Zukunft: Hauptaufgabe des Jewish Welcome Service ist die Einladung von vertriebenen jüdischen Bürgerinnen und Bürgern aus Wien. Weitere Aufgaben neben dem Besuchsprogramm sind die Unterstützung von Gedenk-und Erinnerungsinitiativen sowie Information und Service für jüdische Wien-BesucherInnen. Darüber hinaus organisiert der Jewish Welcome Service auch Einladungen für die jüngere Generation. Heute ist die Israelitische Kultusgemeinde eine selbstbewusste jüdische Gemeinschaft, deren Präsident vom Vorstand für eine Legislaturperiode von jeweils fünf Jahren gewählt wird. Der Zuzug von Flüchtlingen aus Ungarn sowie Jüdinnen und Juden aus der ehemaligen Sowjetunion hat in den letzten Jahren für einen stabilen Stand von rund 7.000 Mitgliedern gesorgt.

© Text und Fotos: Ralf Falbe 01/2014

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