WM 2014 ungeschminkt


Arena Fonte Nova

Der Geldautomat streikt. Ungläubig starrt ein deutscher Tourist auf den dunklen Bildschirm. Kurz darauf ist es Gewissheit: Im ganzen Pelourinho hat wieder einmal die komplette Technik versagt.

Der Betreiber des benachbarten Internet-Cafés beklagt sich bitterlich darüber, dass er seinen Kunden seit drei Tagen keinen Netzzugang bieten kann. Statt der erhofften WM-Umsätze nun leere Kassen und lange Gesichter. Dafür trifft man auf gut gelaunte Straßenkinder und Favelados, die sich über reiche Beute freuen können. Wie fette Weihnachtsgänse flanieren die WM-Touristen in den Gassen, oftmals behängt mit teuren Kameras und Mobiltelefonen. Der Fotograf am Nebentisch erzählt gelangweilt von drei Überfällen, die er heute beobachtet hat: „Es ist Jagdzeit für Ganoven und Huren“. Drei Polizisten am anderen Ende des Platzes rauchen entspannt ihre Zigaretten und unterhalten sich angeregt über das letzte Brasilien-Spiel. Ein uniformierter Kollege sucht daneben in den Dixi-Klos nach versteckten Drogen.

MPOffiziell spricht man von 3.500 Sicherheitskräften, die eigens für die WM in Salvador abgestellt werden sollten. Das Geld dafür aus Brasilia ist längst in den dunklen Kanälen von Bahia versandet. Dafür halten sich die Federales an den Schwarzmarkthändlern schadlos, die kurzerhand von der Straße weg verhaftet werden. Die beschlagnahmten Tickets werden wenig später vor dem Stadion angeboten und von Strohmännern selbst für Minipreise verramscht. Nebenan kann man Mobiltelefone für 30 Real erstehen, manche noch mit holländischer SIM-Karte versehen. Goldrausch in Bahia.

Pelourinho ungeschminktUnten am Largo do Pelourinho filmt ein japanischer Kameramann das Public Viewing und bemerkt dabei die Gangster nicht, die ihn langsam einkreisen. Als er die Eisenstange über den Schädel bekommt, ist es schon zu spät. Über 40 Favelados stürmen mit der Beute im Chaos davon, die vier Polizisten sind vollkommen überfordert. Ein oder zwei Gauner bekommen sie noch zu fassen, der Rest ist in den engen Gassen verschwunden. Weiter unten in der Ladeira do Carmo streift eine Gruppe Straßenkinder umher, mit hungrigen Blicken auf Hosentaschen und teure Turnschuhe. Die Crack-Dealer nebenan gehen ungerührt ihren Geschäften nach, während verunsicherte Touristen ihre Wertsachen umklammern. Es ist Jagdzeit.

FankurveSzenenwechsel. Im Media Center in der Arena Fonte Nova plätschert Wasser aus der Decke: Ein Rohrbruch sorgt für durchnässte Fototaschen und feuchte Ausrüstung. Später in der Mailbox warnt ein Schreiben der FIFA vor Diebstahl von Fotoausrüstung im Pressebereich. Vor dem Stadion ist es bereits dunkel, als endlich ein Taxi hält. Der Fahrer startet rasant durch, biegt jedoch in die falsche Richtung ab. Im Regen sind die Straßenschilder kaum erkennbar und nach wenigen Minuten rast der Wagen auf die Ausfallstraßen zu. Nur ein Sprung in die Dunkelheit rettet vor der Einbetonierung in Simoes Filho, wo die Gangster bevorzugt ihre Opfer entsorgen. Ein ganz normaler Tag in Salvador da Bahia.

© Postet by Ralf Falbe, 06/2014, Fotos by Ralf Falbe. WM-Fotostrecken

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