Interview mit Andreas Altmann


dAndreas Altmann gilt als einer der bekanntesten deutschen Reporter und wurde für seine Bücher und Reportagen mehrfach ausgezeichnet, u. a. mit dem Egon-Erwin-Kisch-Preis und dem Johann-Gottfried-Seume-Preis. Ausgedehnte Reisen führten ihn auf alle Kontinente, wo er die Inspirationen für seine preisgekrönten Reportagen fand. Andreas Altmann lebte in einem indischen Ashram und in einem Zen-Kloster in Kyoto – seit mehreren Jahren liegt sein Wohnsitz in Paris. Der freie Journalist Ralf Falbe in einem Gespräch mit dem rastlosen Reporter:

Falbe: Herr Altmann, was treibt einen nach gefühlten 100.000 Meilen schmutziger Straße noch an, was hält Ihre Neugierde am Reisen immer noch wach?

Altmann: Geld! Ich weiß, Sie erwarten eine pompöse Antwort, sagen wir: Ich will den Menschen den Spiegel vorhalten! Oder, das Leid der Menschheit lässt mich nicht ruhen! Oder ich stehe stets auf der Seite der Entrechteten. Also, ganz einfach: ich habe längst den Hochsitz der Moral verlassen, sprich: Ich kann nichts anderes! Ich muss meine Miete bezahlen! Ich liebe es, abzuhauen! Ich bin närrisch in die deutsche Sprache verliebt!

Falbe: Sie ziehen mit kleinem Gepäck um die Welt und sammeln dabei große Geschichten. Was war Ihre wichtigste Erfahrung auf all Ihren Reisen?

Altmann: DIE wichtigste Erfahrung weiß ich nicht. Ich hatte ein paar eher wichtige, na ja, für mich wichtige. Eine davon: dass die Welt ein Wunderwerk ist und dass wir uns redlich bemühen, sie in Stücke zu hauen. Dass uns die Gier den Garaus machen wird. Dass uns wohl nicht zu helfen ist.

Falbe: „Sucht nach Leben“ oder „Dies beschissen schöne Leben“ heißen einige Ihrer Titel. Ein persönlicher Freiheitsdrang, gepaart mit der unstillbaren Neugierde eines unsteten Geistes? Oder ist es eine Sehnsucht nach einem anderen Dasein?

Altmann: Der Gedanke von der Sehnsucht nach einem anderen Dasein, der gefällt mir. Immer der Altmann sein finde ich eher öde. Ich spiele gern, auch auf Reisen, auch als Reporter. Gebe mich für jemanden aus, der ich nie war und nie sein werde. Einmal bin ich amerikanischer Filmschauspieler, einmal Buschpilot aus Afrika, einmal Philosophieprofessor an der Sorbonne. Oder Drogenhändler aus Amsterdam. Je nachdem, was mir am besten hilft, um an Informationen heranzukommen.

Falbe: Ihre Geschichten von unterwegs gelten als andersartig und kurios, geprägt von einer zutiefst menschlichen Sicht auf den Lauf der Dinge. Was raten Sie Nachahmern, die sich nach Lektüre Ihrer Reportagen ebenfalls auf den Weg machen wollen?

Altmann: Stay hungry. Intuition trainieren. Menschenkenntnis üben. Ausreden bereithalten. Immer wissen, dass man nur sein Mundwerk hat, um davonzukommen. Deutsch lernen, jeden Tag.

Falbe: Seit über 30 Jahren bereisen Sie alle Kontinente. Was hat sich in dieser globalisierten Welt heute für Backpacker und Individualreisende am meisten verändert?

Altmann: Es gibt unheimlich viel mehr Beton auf der Welt. Ganze Landschaften brachen weg. Der unbedingte Wille, die Erde als Parkplatz mit Autobahnanschluss unseren Nachkommen zu hinterlassen, scheint unbremsbar. Ja, sie wird entzauberter. Die Fähigkeit, das Alleinsein auszuhalten, schwindet. Always online, so stelle ich mir die Hölle vor: so fad, so hottentottenblöd verkabelt, so grausam 24/7 vom globalen Blabla gefoltert zu werden.

Falbe: In Ihrem Buch „Dies beschissen schöne Leben“ gestehen Sie langjährigen Bücherklau. Ein besonderer Adrenalinkick für Sie, ähnlich wie Ihre Extremreisen durch Krisengebiete oder fremdartige Kulturen?

Altmann: Klar, aber ich habe immer den reichen Buchbesitzern die Bücher entzogen. Ich war süchtig und nirgends eine Therapie weit und breit. Sprache und Literatur haben mir damals das Leben gerettet. Ich bin unschuldig, haha.

Falbe: Oft werden von Ihnen Grenzüberschreitungen in jeder erdenklichen Form thematisiert. Muss man sich in illegalen Situationen ausprobieren, um ein guter Reporter zu werden?

Altmann: Ob MAN das muss, weiß ich nicht, ICH musste (muss) es. Zudem finde ich die Gesellschaft gehörig repressiv. Ich habe einfach keinen Bock auf Bravsein und Jasagen. Gehorchen halte ich für eine Todsünde.

Falbe: Irgendwo stand einmal, Sie würden mit dem „Presslufthammer“ schreiben. Gezielte Anschläge auf ihre Leser in deren Komfortzone, die dadurch den Irrsinn unseres Planeten besser nachvollziehen könnten. Muss man provozieren, um wachzurütteln?

Altmann: Ach, Sie wollen mich ins Eck der Anständigen bugsieren. Ich soll wieder als Aufräumer und Moralapostel herhalten. Geht nicht, denn ich provoziere, weil es mir ein sinnliches Vergnügen bereitet. Und nicht, weil ich mich verpflichtet fühle. Ob man muss, keine Ahnung. Ich tue es und ich mag Schreiber, die ebenfalls hinlangen. Es wird genug abgestandene Seiche produziert, gut, wenn ein paar dagegenstinken.

Falbe: Ein Stubenhocker sind Sie jedenfalls nicht. Wie kompromisslos muss man sein, um seinen Lebenstraum als Reiseschriftsteller verwirklichen zu können?

Altmann: Sehr. Sie müssen verzichten lernen. Sie müssen begreifen, dass so ein Leben einen saftigen Preis hat. Wie für jeden Lebenslauf, der nicht im großen Gatter stattfinden soll. Und sie müssen lernen, dass es ihnen (meistens) egal sein sollte, was die anderen daherreden. Aus ihnen plappert die Angst. Und bei den niedrigeren ZeitgenossInnen der Neid. Oder beides.

Falbe: Ihre Bibliografie bisher ist jedenfalls beeindruckend, darunter Bestseller aus dem Jahre 2011 wie „Das Scheißleben meines Vaters, das Scheißleben meiner Mutter und meine eigene Scheißjugend“. Insgesamt standen vier ihrer Bücher auf der Spiegel-Bestsellerliste. Darf man fragen, ob es bereits neue Buchkonzepte oder Projektideen für 2015 gibt?

Altmann: Also, normalerweise halte ich es mit meinem stadtbekannten Kollegen Goethe, der meinte, man solle nie von der Zukunft sprechen. Aber das neue Teil ist ja schon fertig, kommt im September 2014 auf den Markt. Zwei Autoren für ein Buch: Der göttliche Pier Paolo Pasolini und der eher irdische Altmann, Titel: INDIEN. Siehe Website, www.andreas-altmann.com. Es gibt auch Lesungen aus dem Buch, leider nur mit mir, PPP wurde ja vor knapp vierzig Jahren aus dem Weg geräumt.

Falbe: Vielen Dank für das Gespräch.

© Interview by Ralf Falbe, © Foto by Nathalie Bauer

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1 reply

  1. Ach, Andreas Altmann. Ich bin so ganz anders wie er. Und mir ist nicht alles sympathisch an ihm. Aber ich liebe seine Sprache, seine Sätze sind oft ein Genuß. Und er ist gnadenlos realistisch und ehrlich. Für mich eine Entdeckung. Und wer sein Buch „Verdammtes Land“ liest, versteht, warum in Gaza Krieg ist. Er ist einer, der die Wirklichkeit aushält. Mir imponiert der Mann.

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