24 h in Manila


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„Die Packung Viagra hat mich 10.000 Pesos gekostet“, erzählt der Kanadier mit dem schütteren Haar in der Rendevouz Beer Bar. Sein Fehler: Er hatte auf der Straße bei einem der unzähligen fliegenden Händler beherzt zugegriffen – nur leider unter den Augen der Polizei, die hier nicht immer als Freund und Helfer auftritt. Kurzerhand wurde ihm erklärt, dass Viagra auf den Philippinen als Droge gelten würden. Vor die Wahl gestellt zwischen einer mehrjährigen Haftstrafe und dem „Bakschisch“, entschied er sich rasch für die Zahlung der geforderten Summe. Eine weise Entscheidung, wenn man den letzten Amnesty-Bericht über Polizeifolter auf den Philippinen gelesen hat. Aus den Lautsprecherboxen dröhnt jetzt der Soundtrack von Modern Talking, an den Nachbartischen wird das Bier in Eimern serviert und zwischen den Stühlen drängen sich bettelnde Straßenkinder. Ein Mädchen, vielleicht acht Jahre alt, zieht ein Bein nach und versucht sich als Versehrte, bis sie von Stammgästen erkannt und als gesund enttarnt wird.

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Szenenwechsel. In der Karaoke-Bar schwankt ein älterer Engländer und schmettert so inbrünstig wie betrunken Frank Sinatras unsterbliches „My Way“, die anwesenden Gäste applaudieren begeistert. Am Nachbartisch wird bekannt, dass einer von ihnen Geburtstag hat, seinen sechzigsten. Man stimmt das „Happy Birthday“ an, nicht ohne Hintergedanken auf ein Freibier, das der arme Kerl dann auch an die Runde spendieren muss. Seine Miene verzieht sich merklich. Der älteste Trinker am Tisch gibt sich als 75 aus, wirkt dabei aber eher wie 85. Der alte Mann wird vertraulich: „What´s the most common word in a brothel?“, fragt er breit grinsend. Die Antwort gibt er selbst: „Next…“. Alter Soldatenhumor wohl, so wie hier auch einige der Anwesenden frühere GIs zu sein scheinen, die ehemals in Angeles oder Subic Bay stationiert waren.

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Rush Hour. Straßenkinder springen auf die Jeepneys und singen Weihnachtslieder in der Hoffnung auf etwas Taschengeld. „Immer noch besser wie Klauen“, brummt ein deutscher Tourist mißmutig. Auf der Mabini Street sorgen Regenschirme und Pappkartons für einen Rest Privatsphäre der Obdachlosen, die auf dem Straßenpflaster hausen. Die unendlich kleine Wäsche der Straßenkinder trocknet am eisernen Zaun eines Denkmals. Auf Manilas Nordfriedhof teilen sich tausende Obdachlose und zwei MillionenTote eine neunundfünzig Hektar große Grünanlage. Zwischen Grabsteinen und Mausoleen haben sich die eingerichtet, die einst auf ein besseres Leben in der Hauptstadt hofften – und nun hier überleben müssen. Denn auch in den unzähligen Slums von Manila, wo viele Tagelöhner hausen, ist der Wohnraum begehrt. Schon bieten Veranstalter wie Smokey Tours – ähnlich den Favela Tours in Brasilien – Ausflüge zu den Wellblechhütten an. Armut als Touristenattraktion.

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„My friend…“, „Hallo Darling…“, „Give me money…“ – die Offerten der Straße sind so vielschichtig wie die Zwölfmillionen-Metropole, in der díe Money-Changer oftmals Blüten unter ihre Geldbündel mischen. An einer Kreuzung wartet Sergio mit seiner Fahrrad-Rikscha auf Kundschaft. „Unter Marcos wurden die Moro-Rebellen noch bekämpft, heute hat Abu Sayyaf im ganzen Land Spione verteilt, auch in Manila“. Das würde zumindest die Entführung eines deutschen Seglerpaares 2014 vor der Insel Palawan erklären. In der Shisha-Bar gegenüber zieht eine Gruppe Araber jedenfalls genüßlich an der Wasserpfeife und sieht dabei zufrieden in die Runde. Die große Politik scheint im Augenblick ganz weit weg.

© Text und Fotos by Ralf Falbe 03/2015. Abdruck im Bieler Tagblatt im Mai 2015.

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