Kultobjekt Jeepney – Mit dem Kleinbus durch die Philippinen


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„You can´t say that you´ve been to the Philippines, if you don´t ride the Jeepney!”, verspricht die vollmundige Werbung von Jeepney Tours in Manila. Klimaanlage, Komfortsitze, Bordunterhaltung? Fehlanzeige. Der Jeepney ist ein Relikt aus dem Zweiten Weltkrieg, ein umgebauter Kleinbus auf Basis des amerikanischen Willys-Jeeps, diesem Urahn aller nachfolgenden Baureihen geländegängiger Allzweckfahrzeuge. Zurückgelassen vom US-Militär und technisch verfeinert von den kreativen Filippinos, entwickelte sich dieser umgebaute Armeejeep dank seines kraftvollen Motors zu einem der wichtigsten Verkehrsmittel auf den Philippinen. Mit Hilfe von Eisenbahnschwellen wurde zunächst das Chassis gestreckt, um mehr Passagieren Platz bieten zu können. Zusätzlich wurde ein Metalldach aufgesetzt, um die Fahrgäste vor der tropischen Sonne und Wolkenbrüchen zu schützen. Dieser einzigartige „King of the Road“ wird weltweit nur auf den Philippinen produziert und gilt in dem südostasiatischen Inselreich längst als Zeichen der lokalen Popkultur. Auf den bunt lackierten Fahrerkabinen und chromblitzenden Kühlerhauben finden sich zumeist religiöse Motive, die im grellen Comic-Stil von Familie und Kirche erzählen. Ungewöhnliches Zubehör wird in den einfachen „Machine Shops“ passend gemacht – in mühsamer Handarbeit werden hier Gewinde geschnitten oder farbenprächtige Verzierungen gefertigt. Das einfache Leben auf den Philippinen fordert besondere Transportmittel – der Jeepney ist eines davon. Auf einer durchgehenden Sitzbank lassen sich über 14 Passagiere befördern und oftmals reisen auch auf dem Dach Fahrgäste mit – eine erschwingliche Beförderung auch für die zunehmend verarmte Stadt- und Landbevölkerung. Mit einer Bevölkerungswachstumsrate von 2,37 Prozent – das entspricht etwa fünftausendfünfhundert Neugeborenen pro Tag – gelten die Philippinen als eines der dichtest besiedelten Länder Südostasiens.

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Wenn Sergio mit seinem Jeepney-Kleinbus auf Tablas Island am Busbahnhof von Odiongan startet, dann haben seine Fahrgäste bereits lange geduldig in ihren Sitzen auf die Abfahrt gewartet. Bei den ersten Schlaglöchern setzt es Schläge auf die Wirbelsäule, aber niemand verzieht eine Miene. Ein Hahn kräht in einem verbeulten Pappkarton, den ein alter Mann in seinen Händen hält. Schulkinder springen an der ersten Haltestelle auf und klammern sich an das bemalte Chassis. Jemand lädt schwere Säcke mit Reis auf das Dach, die für San Agustin bestimmt sind. Grüne Reisfelder ziehen vorbei, während der kraftvolle Motor schwarze Rauchwolken ausspuckt. Die Küstenstraße schraubt sich bald in das einsame Hochland. Sergio zieht den Armak-Jeep gefühlvoll in die Serpentinen und drosselt vorsichtig die Geschwindigkeit. Sein Kollege Ramirez drängt sich mittlerweile durch den überfüllten Kleinbus und kassiert das Fahrgeld ab. Ein schwieriges Unterfangen, wie sich zeigt – bei jedem Schlagloch wird die Ladefläche mit dem Metallaufbau zu einem kleinen Boxring, in dem man tänzelnd das Gleichgewicht suchen muss. Mit zunehmender Höhe kühlt es sich merklich ab. Vor den vereinzelten Gehöften raufen sich abgemagerte Hunde und überraschte Kinderaugen sehen dem schnaufenden „King of the Road“ neugierig entgegen. Moderner Komfort ist nicht nur für die Passagiere in dem ungefederten Armak-Jeep ein ferner Traum, auch die einfache Landbevölkerung ist hart im Nehmen. Weil es in der Provinz wenig Arbeit gibt, drängen sich seit Jahrzehnten Landflüchtlinge in die Metropole Manila – oftmals endet dieser Exodus in einem namenlosen Slum oder unter maroden Brücken.

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An den Stopps zieht Ramirez die wartenden Fahrgäste eilig auf die Ladefläche, während andere das Reisegepäck und Pappkartons mit bunten Waren nach vorne durchreichen. Gelassenheit und eine pragmatische Grundhaltung sind hier allgegenwärtig. Ein kühler Fahrtwind zieht durch die offenen Fenster und streicht über verschwitzte Leiber. Der bunt verzierte „King of the Road“ passiert eine enge Kurve, in der ein frischer Erdrutsch die verrostete Leitplanke entsorgt hat. Aus dem Busfenster starren die Passagiere unbeeindruckt in die gähnende Tiefe der grünen Schlucht, während sich ein Lastwagen hupend nähert. Das Ausweichmanöver erfordert von Sergio viel Fingerspitzengefühl und Millimeterarbeit zwischen Abgrund und Bergkante, neugierig verfolgt von den Dorfbewohnern der Nachbarschaft. Ein beinahe alltägliches Spektakel, das hier immer wieder erneut Aufmerksamkeit hervorruft. Beim nächsten Stopp springen fliegende Händler auf die Ladefläche, preisen bunte Plastikflaschen und kleine Snacks an – Bordverpflegung asiatischer Art. Der kraftvolle Motor der Serie 4BA heult auf und Sergio schielt auf die Instrumente in seinem kunstvoll verzierten Echtholzarmaturenbrett. Seitdem auch Toyota und andere Hersteller wie Mitsubishi mit preiswerten Zubehörteilen auf den philippinischen Transportmarkt drängen, scheint die Ära der amerikanisch geprägten Armeejeeps bald vorbei zu sein.

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Kurz vor Einbruch der Dunkelheit erreicht der chromblitzende Amrak-Jeep endlich San Agustin, den verschlafenen Fährhafen im Osten der Insel, der Tablas Island mit der Nachbarinsel Romblon verbindet. Auf dem Basketball-Platz trainieren ein paar Jugendliche Korbwürfe, während in den verräucherten Garküchen das Abendessen zubereitet wird. Touristen sucht man hier vergeblich. Vor der neu erbauten Mole schaukelt eine rostige Fähre im trüben Hafenwasser und Seeleute warten auf das Auslaufen am nächsten Tag. Erst seit wenigen Jahren ist San Agustin auch regelmäßig mit dem Schiff von Romblon Island zu erreichen, was den Warenverkehr in der Vergangenheit erheblich beschleunigt hat: Motorroller sind mittlerweile kein unerschwinglicher Luxus mehr. Sergio und Ramirez wirken jetzt sichtlich erleichtert – endlich Schichtende nach sechs Stunden Überlandfahrt, die sie zweimal täglich mit ihrem unverwüstlichen Amrak-Jeep absolvieren. Die Fahrgäste verabschieden sich schnatternd, tragen schwere Bündel zu ihrer Familie heim, während die blutrote Sonne allmählich in der Visaya-See versinkt.

© Text u. Fotos by Ralf Falbe 03/2015. Abdruck im BUSFahrer Magazin im Frühjahr 2015.

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Kategorien:Asien

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