Das Herz von Israel


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50 Jahre deutsch-israelische Beziehungen. Die Jerusalem Post, Ausgabe vom 12.05.2015, zitierte hierzu eine aktuelle Studie der Bertelsmann-Stiftung vom Oktober 2014, demzufolge eine Mehrheit der Deutschen im wichtigen Alter von 18 – 29 Jahren Israel gegenüber negative Vorbehalte pflegt. Auf der anderen Seite dokumentiert eine Studie der Konrad-Adenauer-Stiftung vom Januar 2015, dass sich 81 Prozent der Israelis nähere Beziehungen zu Deutschland wünschen. Wie passt das zusammen?

Deutschland ist mittlerweile Israels wichtigster Handelspartner in Europa, beide Länder pflegen ein gewaltiges Handelsvolumen. Hinzu kommt eine intensive wissenschaftliche, kulturelle und militärische Zusammenarbeit. Die Bundesrepublik gilt heute im Heiligen Land als ein Staat, der sich den Verbrechen des Holocaust gestellt hat und sich bedingungslos der Sicherheit Israels verpflichtet fühlt. Etwa 200 000 Israelis besitzen einen deutschen Reisepass und somit die doppelte Staatsbürgerschaft. Das Leben in der mitteleuropäischen Komfortzone erscheint gerade vielen jungen Israelis attraktiv, zu verlockend sind die kulturellen Angebote gerade in Städten wie Berlin, München oder Hamburg. Und die Deutschen? Werden in Israel herzlich begrüßt. Ein Besuch im Heiligen Land:

In Tel Aviv ist von einem religiösen Fanatismus oder Weltschmerz wenig zu spüren. Der Strand mit seinen Hotelburgen erinnert an Südfrankreich, das Nachtleben an Kreuzberg oder St. Pauli. Auf dem Rothschild Boulevard trifft sich allabendlich das Jungvolk zum Tanz auf dem Vulkan. Der Gaza-Krieg 2014 ist noch nicht allzu lange her, das Leben kann kurz sein und es wird intensiv genossen. Im Stadtteil Jaffa wird bereits eifrig alte Bausubstanz saniert, hier flanieren Touristengruppen und genießen einen mediterranen Abend in den zahlreichen Fischrestaurants. Auf dem Carmel Market werden orientalische Speisen und Gewürze angeboten, dazu preiswerte T-Shirts und allerlei Schnickschnack. Man gibt sich casual, sowohl politisch als auch religiös.

Weiter nördlich in Jisr Az Zarqa Bay, direkt am Israel Hiking Trail gelegen, leben überwiegend arabische Einwanderer aus Ägypten und dem Sudan. Neta Hanien, Powerfrau mit vier Kindern, hat hier JUHA´S GUESTHOUSE aufgezogen, ein rein arabisches Start-Up – gegründet über Crowdfunding – für Backpacker aus aller Welt. Wo zu Zeiten der Intifada noch Steine flogen, können Touristen heute preiswert übernachten und individuelle Touren buchen. Das unkonventionelle Programm reicht von Arabischkursen bis hin zu Surfboard-Verleih und Fischerboot-Fahrten.

Akko, Hafenstadt in Galiläa an der Küste des östlichen Mittelmeers, ist geprägt durch eine mächtige Zitadelle aus der Zeit der Kreuzritter und einen arabischen Lebensstil. Nicht nur Napoleon scheiterte hier im Jahre 1799 mit seinem Versuch, die seinerzeit strategisch wichtige Stadt zu erobern. Seit 2001 zählt die beeindruckende Festungsanlage zum Weltkulturerbe der UNESCO. In den Souks der Altstadt flanieren Israelis, Araber und Touristen einträchtig nebeneinander her, vorbei an einem schwer bewaffneten Sicherheitsposten der israelischen Polizei. Barbiere stutzen in winzigen Kammern Bärte, während sich in den Teestuben Männer um eine blubbernde Shisha versammeln. Wie immer sind es die Kinder, die sich hier zuerst für Fotos in Positur setzen.

Der See Genezareth, unweit der Golan-Höhen gelegen, gilt als Eldorado für den religiösen Pilgertourismus –  bibelfeste Prediger haben hier das Wort. Anders am Toten Meer, wo sich russische Touristen ganz weltlich mit grünem Schlamm einreiben – Wellness mit Wodka. Auf der Fahrt durch die Westbank passiert man die Grenze zu Jordanien und trifft auf vereinzelte israelische Militär-Patrouillen, die hier gelangweilt Wache schieben. Seit 1994 besteht ein Friedensabkommen zwischen Israel und Jordanien, es gibt seitdem für Soldaten wenig zu tun. An einer verlorenen Tankstelle bietet ein Beduine Kamelausflüge in die Wüste an, das Tier dämmert unbeeindruckt in einem Fliegenschwarm in der prallen Sonne. Touristen aus Deutschland werden freudig begrüßt, bedeutet jeder Fremdenverkehr doch Normalität, Interesse und Einkommen.

Jerusalem. Schmelztiegel der Kulturen, Hauptstadt der Religionen. Ein Rundgang durch die Altstadt gehört zum Pflichtprogramm, aber der wahre Charakter dieser Metropole erschließt sich erst in den einzelnen Stadtvierteln. Me’a Sche’arim gilt als der älteste Stadtteil Jerusalems gleich nach der Old City, überwiegend bewohnt von ultraorthodoxen Juden. Ein Spaziergang durch die Straßen gleicht einer Zeitreise in die Vergangenheit – dunkle Mäntel, schwarze Hüte und Schläfenlocken dominieren das Bild. Mit dem Bau dieser religiös inspirierten Siedlung wurde im Jahre 1874 nach Plänen des deutschen Architekten Conrad Schick begonnen. Die Kleidungsvorschriften sind streng, auch Besucher werden auf mehrsprachigen Schildern darauf hingewiesen. Und dann wieder die weltliche Überraschung: Ein junger Mann, von Kopf bis Fuß in jüdisch-ultraorthodoxer Tradition gekleidet, drängt auf ein Foto und freut sich hinterher wie ein Kind über sein Abbild auf dem Display. Der Nahe Osten ist noch nicht komplett an Fanatiker verloren.

© Text und Foto by Ralf Falbe 05/2015 Fotostapel Israel – Fotostrecke Jerusalem. Mit freundlicher Unterstützung durch GoIsrael.de.

 

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Kategorien:Asien

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3 replies

  1. Kurz und bündig: Eine durchdachte und mit Sekundärinfos angereicherte Zusammenfassung der Rundreise durch Ägypten. Prima Fotos übrigens (über Link).

    Zur Ergänzung: Das Thema Schlafen und Essen auf einer beispielhaften Israel-Tour:
    http://reisefreak.de/2015/05/20/israel-2015-teil-1-hats-geschmeckt-und-wie-hast-du-geschlafen/

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