Mit dem Bus durch Griechenland


„If you have no coins, no problem.“ Der grauhaarige Mann im Stadtbus von Thessaloniki zuckt die Achseln. Dicht gedrängt stehen die Passagiere um den orangefarbenen Fahrkartenautomaten im Bus, der lediglich Kleingeld schluckt – nur ein Tourist kann das nicht wissen. Geduldig wartet man, bis der Busfahrer die Türen schließt und sich der Volvo-Bus in Bewegung setzt. Die Linie 23 verbindet die hügelige Altstadt Agios Pavlos – hier finden sich Sehenswürdigkeiten wie Trigoniou Tower und Byzantinische Mauern – mit dem Bahnhof im westlichen Stadtteil von Thessaloniki und den östlichen Vororten. Dazwischen liegen enge Gassen, pulsierende Hauptstraßen und grüne Alleen.

Erst im Juni hatte hier ein Streik der städtischen Busgesellschaft OASTH zu Ausfällen und Verspätungen geführt – das Linksbündnis Syrizia von Ministerpräsident Alexis Tsirpas will weiterhin eine Privatisierung im öffentlichen Nahverkehr von Thessaloniki durchsetzen. Die Verhandlungen sind noch nicht abgeschlossen, aber viele Busfahrer der OASTH befürchten sinkende Löhne oder gar Entlassungen – man erwartet das Schlimmste. „Seit Beginn der Krise haben sich hier weit über 6.000 Menschen umgebracht“, erzählt die Winzerin Claudia Papayianni im nahegelegenen Arnea mit leiser Stimme. Ein wirtschaftlicher Teufelskreis aus Arbeitslosigkeit, Steuerschulden und Sparpolitik lähmt seit Jahren viele Griechen. Nachdem die Renten erneut gekürzt wurden und die Mehrwertsteuer nun auf 24 Prozent gestiegen ist, fürchten viele, dass sie sich bald selbst einfache Lebensmittel wie Tomaten oder Schafskäse nicht mehr leisten können. In seinem Magazin „Hotdoc“ enthüllte der investigative Journalist Kostas Vaxevanis zudem unzählige Korruptionsskandale und Staatsaffären, die das Chaos in der Vergangenheit nur noch mehr befeuert hatten.

Die Central Bus Station von Thessaloniki ist ein moderner Kuppelbau, in dem sich mehrere Restaurants, Snackbars und ein großer Schalter für den Fahrkartenverkauf finden. Es geht geschäftig zu, vor dem Eingang warten lange Schlangen von Taxis auf Fahrgäste. Die privaten Busgesellschaften dominieren das Transportwesen im Fernbusgeschäft: „Wenn wir hier auf staatliche Unterstützung angewiesen wären, dann hätten wir noch nicht einmal Treibstoff für unsere Busse“, erzählt ein Busfahrer vergnügt. Ein anderer zeigt auf die neuen Michelin-Reifen an seinem Setra-Bus: „Siehst du das hier? Alles privat finanziert.“ Man gibt sich zuversichtlich. In einem Land, in dem viele für rund 25 Euro am Tag arbeiten müssen, ist ein Job als Busfahrer nicht die schlechteste Option. Dimitri – seinen vollen Namen möchte er nicht nennen – erzählt: „Ich arbeite 6 bis 7 Stunden am Tag, fahre von Thessaloniki in die umliegenden Städte und zurück. Ich bin zufrieden.“

Die Halbinsel Chalkidiki in Nordgriechenland gilt als bedeutendes Weinanbaugebiet und traditionelle Touristendestination, wobei Thessaloniki mit rund einer Million Einwohnern als die zweitgrößte Stadt des Landes nach Athen zählt. Der Tourismus – immer noch wichtigster Wirtschaftszweig neben der Landwirtschaft – profitiert derzeit von der Türkei-Krise und auch viele deutsche Urlauber reisen wieder nach Griechenland. Der Bus-Sommerfahrplan richtet sich nach diesen neuen Bedürfnissen, so dass zusätzliche Busse in der Region eingesetzt werden, die saisonbedingt viele Badeorte auf der Halbinsel ansteuern. Bereits am Flughafen von Thessaloniki – vom deutschen Fraport Konzern übernommen – zeigt sich diese wichtige Investition in die Infrastruktur: Drei Buslinien führen in die umgebenden Präfekturen, während die Linie 78 direkt das Zentrum von Thessaloniki ansteuert. Für eine Fahrt in die Stadt mit dem Volvo-Bus, die rund 40 Minuten dauert, zahlt man lediglich 2 Euro Beförderungsentgelt. Stadtbus-Tickets werden auch in Thessaloniki an jedem Kiosk verkauft, dazu gibt es unaufgefordert einen Kaufbeleg. Der Bus ist nach wie vor eines der wichtigsten öffentlichen Verkehrsmittel in Griechenland.

Die Region des Heiligen Berges Athos östlich von Ouranoupoli – ebenfalls auf der Halbinsel Chalkidiki gelegen – ist Zufluchtsort sowohl für spirituelle Jünger als auch weltliche Bankrotteure. Orthodoxe Pilger aus den Balkanstaaten, Russland und der Ukraine suchen hier nach Erleuchtung und Einflussnahme, während arbeitslose Griechen und Albaner in den Klöstern Lohn und Brot finden. Konstantin, ehemaliger Busfahrer, arbeitet in einem der Klöster als Saisonarbeiter, kann nur alle zwei Wochen Frau und Kinder in Thessaloniki besuchen. Sein Verdienst liegt bei rund 1.000 Euro im Monat, davon bleiben ihm nach Abzug aller Steuern noch etwa 500 Euro um seine Familie durchzubringen. Das Kloster als Fluchtpunkt. „Manchmal“, sagt er, „sitze ich stundenlang wortlos neben meiner Frau. Wir beide schweigen dann gemeinsam, um unsere leeren Batterien wieder aufzuladen“. In der rustikalen Hütte blättert sein Kollege rauchend in einem alten Baumarkt-Prospekt und träumt von teuren Sitzgarnituren, während andere bei der Arbeit im Weinberg über ausländische Automarken fachsimpeln.

Der nagelneue Eurolines-Bus rollt aus dem Kuppelbau der Central Bus Station von Thessaloniki. Das Fernbusliniennetz der Deutschen Touring GmbH verbindet Deutschland mit 13 verschiedenen Städten und Regionen in Griechenland. Die Nachfrage ist wachsend. Andere Busverbindungen führen von Thessaloniki nach Tirana in Albanien oder Sofia in Bulgarien. Die Fahrzeuge – Busse der Marken Volvo, MAN, Setra, Mercedes-Benz – wirken allesamt gut gewartet und gepflegt, nur ein älteres Modell der Volvo-Berkhof –Reihe fällt auf. Mit seinem kaputten Scheinwerfer ist der gelbe Bus auf dem großen Parkplatz neben dem Kuppelbau nicht zu übersehen: Busse aus ländlichen Gegenden sind meist weniger komfortabel und älteren Baujahrs. Daneben schläft ein erschöpfter Busfahrer in seinem roten Setra-Bus – über das Lenkrad gebeugt – in der Mittagshitze, während weiter vorne ein junger Grieche die Windschutzscheiben mehrerer Reisebusse mit einem Eimer Wasser putzt. Ein Busbahnhof als Arbeitsplatz. Man ist der Krise einfach müde, sehnt sich nach Normalität. Ohnehin: Während man in deutschen Metropolen auf zunehmend hypernervöse Zeitgenossen trifft, erweckt die griechische Duldsamkeit und Selbstdisziplin schlichtweg Bewunderung. Jogginghose im Straßenbild? Fehlanzeige.

Das Intercity-Busnetz KTEL (Griechische Gesellschaft der Busbetreiber – Koino Tamio Eis Praxeon Leoforion) wurde als moderner Zusammenschluss der früher regional operierenden Busgesellschaften gegründet, basierend auf einem Gesetz aus dem Jahre 1973. Die Busse der Gesellschaft befinden sich im persönlichen Besitz der Aktionäre, dazu werden bei Bedarf auch Berufsfahrer von der AG eingestellt. Die Hauptterminals liegen in Athen, Patras, Kalamata und Thessaloniki. Im Gegensatz zu den einfach ausgestatteten Nahverkehrsbussen zeichnen sich die Überlandbusse durch eine moderne Technik und einen hohen Komfort aus. Die Personenbeförderung im städtischen Nahverkehr wird dagegen von den kommunalen Verkehrsbetrieben mit dieselbetriebenen Bussen – die Marke Volvo ist oft zu sehen – abgewickelt, jeweils innerhalb der Grenzen der zuständigen Präfektur.

© Text und Fotos von Ralf Falbe 09/2017. Abdruck im BUSFahrer Magazin.

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